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─ GESCHICHTE DES SCHÜTZENAUSMARSCHS ─ TEIL 1 ─ |
![]() Ausmarsch zum Papagoyen-Schießen Hannover erstreckte sich im Mittelalter östlich der Leine vom Marstall bis zum Aegi. Gegenüber, auf der damals höhergelegenen Fläche zwischen den jetzigen Straßen Leibnizufer - Neustädter Kirchhof - Rote Reihe - Clemensstraße, stand die Burg Lauenrode. Nachdem dieses Bauwerk 1371 geschleift worden war, begann auf der Anhöhe das berühmte „Papagoyen“-Schießen per Armbrust (auch z.B. „Papegoien“ oder „Papeghoyen“ geschrieben). Zugleich wurde aber mit der selben Waffe auf „Dolen vor dem Schetelwalle“ ebenfalls schon das Scheibenschießen geübt. Zwei verschiedene Gruppen nutzten den Schießstand, zwei Gruppen, die im Laufe der Jahrhunderte verschmelzen und sich wieder trennen sollten. Zum einen trainierten dort offizielle „Stadtschützen“ für ihren Dienst, den sie nachts auf der Stadtmauer sowie als Posten an der vorgelagerten Landwehr versahen. Zum anderen, und das ist der Ursprung des Schützenwesens, gingen dort Bürger einem Privatvergnügen nach. Eine hannoversche Besonderheit war es nicht, landauf landab hatte man Freude am Zielen auf hoch angebrachte Vogelfiguren. Mancherorts finden noch heute solche Übungen statt, wobei die hölzernen Papageien oder Adler vorher gern im Festzug mitgeführt werden. Anhand der Vogelschießen läßt sich gut erkennen, was Schützenfeste ursprünglich darstellten, nämlich eine Einheit aus Schießwettbewerb und Feiern. Zwischen der Schießbahn und den drumherum aufgebauten Buden konnte das anwesende Volk gemeinsam zugucken und jubeln. Für 1396/1397 ist bekannt, daß die Stadtbehörde Freibier (Einbecker) stiftete. Ihr vorrangiges Schützenfest hielten die Hannoveraner an Pfingsten ab. Zumindest für diesen Anlaß zogen die geneigten Schützen bereits zeremoniell zum Papagoyen-Baum aus. Treffpunkt war eine Art Brauerhaus an der Ostseite der Osterstraße, Höhe zwischen Windmühlenstraße und Röselerstraße, am Ostrand der ganzen Stadt. Standardmäßig soll der Zug folgende Strecke genommen haben: Ein Stückchen Osterstraße - Röselerstraße (damaliger Name: Grüttemakerstrate) - Marktstraße - Marktplatz - Kramerstraße - Holzmarkt - Schloßstraße (damals: Schostrate) - feste Brücke beim inneren Leintor - Brüggenstrate auf der Leineinsel - Zugbrücke beim äußeren Leintor - unbestimmter Rechtsschwenk zum Zielort. In Anbetracht der Streckenlänge von etwa einem Kilometer betrug die Marschdauer entsprechend 10-15 Minuten. Ein undatiertes Schriftstück schildert diese Zugaufstellung: 1. Die Stadtmusikanten bestehend aus „Zinkenisten“ (= Spielern des historischen Blasinstruments Zink), „Piepern“ (= Pfeifern, d. h. Flötespielern) und „Trummenschlegern“ (= Trommlern). 2. Ein geschmückter Knabe auf einem Schimmel als Verkörperung des Frühlings. 3. Der Schützenkönig des Vorjahres mit Armbrust über der Schulter, woraus zu schließen ist, daß die anderen Schützen ohne Waffen gingen. Die generell weitverbreiteten Pfingstschießen besaßen Verbindungen bis in die Germanenzeit zurück. Während des Mittelalters hatten sich unter dem Einfluß der Kirche vielerlei vorchristliche Frühlingsbräuche an Pfingsten geballt, die nun wiederum in diese Schützenfeste übergingen. Neben den besagten Auftritten der Figuren Schimmelreiter und Maigraf waren das Vergraulungs-, Weihe- und Schutz-Rituale (z.B. Flurumgehungen mit Fahneschwenken), Zeichen der Lebensfreude (Schmücken mit Blumen und Laub), Kraftproben und Wetteifern aller Art (über das Schießen hinaus Spiele wie Ringstechen zu Pferde). Bis zum heutigen Hannoverschen Schützenfest muß man sich allerdings ein weiteres Scharnier hinzudenken, denn an der Jahreszeit läßt sich ja erkennen, daß dem Pfingstschießen noch von einem anderen Schießwettbewerb der Rang abgelaufen wurde. 1894 plante man, im Jahr 1897 das 500-jährige Jubiläum des Hannoverschen Schützenfestes zu begehen, ließ dann aber davon ab, und vermied auch danach jede Alterszählung (vielleicht weil man 1397 mit 1379 verwechselt, mithin das bestimmte Jubiläum schon verpaßt hatte?). Generationen später, 1978, fiel jemandem siedend heiß auf, daß im Folgejahr 1979 das 450-jährige Jubiläum gefeiert werden könnte. Grundlage für diese rückwirkende Rechnung ist eine Begebenheit anno 1529, als die Bürger von der Obrigkeit ausdrücklich erlaubt bekamen, was sie eh schon zu tun pflegten - „Schützenhöfe“ sprich Schützenfeste zu veranstalten. Jenes Datum war in der Schützenszene Hannovers bekannt gewesen, aber ausschlaggebende Bedeutung hatte man darin nie gesehen. 1529 Aussehen und Klang des Zinks:
Strecke der ersten Schützenausmärsche (zur Orientierung sind Marktkirche sowie Ballhofplatz gelb markiert): ![]() |
![]() Pritschenmeister an der Zugspitze Man kannte ihn auf den Schützenfesten im gesamten deutschen Kulturraum. Sein Aufgabenspektrum war äußerst umfangreich: Den Festzug anleiten, die Waffen prüfen, das Schießen beaufsichtigen, ordnungswidriges Verhalten ahnden (auch Strafgelder einziehen), Streitigkeiten im Keim ersticken bzw. auflösen, dabei aber zugleich als Schalk Faxen machen, für Unterhaltung und gute Laune sorgen, lustig das Schießen kommentieren, schlechte Schützen rituell verspotten. Seine Bezeichnung pendelte zwischen vielen ähnlichen Wörtern wie Pritschenmeister, Pritschmeister, Britschmeister, Britschenmeister, Britzenmeister, Britzmeister, Pritzmeister, Pritzenmeister. Namensgebend war die „Pritsche“ o.ä., ein symbolisches, knallendes Züchtigungsinstrument aus Sperrholz oder Pappe, wie es auch die Kasperlefigur trägt. Trotz der putzigen Seite genoß der Pritschenmeister sehr hohe Autorität. Den Schützenausmärschen hüpfte er an der Zugspitze voran. Irgendwie bildete der Pritschenmeister eine Mischung aus den mittelalterlichen sächsischen Sagengestalten „Rattenfänger von Hameln“ und „Till Eulenspiegel“. An Eulenspiegel erinnerte offenkundig das Schalkhafte. Den Menschen war damals aber auch präsent, daß die Rattenfänger-Sage kurz nach dem Johannistag (24. Juni) spielt, übereinstimmend mit demjenigen Zeitrahmen, in dem das hochrangige „Johannisschießen“ abgehalten wurde. Optisch konnte der Pritschenmeister mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung gehen. Der hannoversche Vertreter scheint sich jedoch an den italienischen Bajazzo-Clown angelehnt zu haben, was vielleicht mit der Epoche des Karnevals venezianischen Stils in der Stadt zusammenhing. Erwähnt wurde auch, daß ihm noch einige Bengel beigegeben waren, die herumwuseln und Schabernack treiben sollten. Und daß man ihm 1606 zum Warenpreis von neun Groschen plus sieben Groschen für die sachgerechte Bemalung ein neues Britzholz (= eine neue Pritsche) kaufte. Während sich hier und dort noch in den 1830er Jahren Pritschenmeister betätigten, in Zellerfeld im Harz sogar bis zu den 1970er Jahren, verscholl der hannoversche Vertreter schon frühzeitig im 17. Jahrhundert. Als Grund wäre denkbar, daß das Schützenwesen Hannovers einfach zu große Ausmaße für diese komplexe Einzelfigur hatte. Unbedingt notwendig war er nicht, denn die Organisation lag stets zuverlässig in den Händen zweier von der Stadt eingesetzter sogenannter „Schaffer“. Beim Festumzug des Deutschen Bundesschießens 1903 in Hannover wurde nochmal ein Schützenzug des 16. Jahrhunderts mit Pritschenmeister dargestellt; s. Bild oben. In den letzten Jahrzehnten tauchten unregelmäßig sowohl ein Rattenfänger von Hameln als auch ein Till Eulenspiegel im Schützenausmarsch auf, aktuell aber nicht mehr. |
![]() Start Brauergildehaus - Ziel Klagesmarkt Für das Schießen mit Feuerwaffen war die Anlage „auf Lauenrode“ nicht ausgelegt. Als die technischen Entwicklungen nach 1450 Fahrt aufnahmen, mußte sie immer wieder nach neusten Erfordernissen umgebaut werden. Schließlich wurden 1574 Schießbahnen und ein Schützenhaus an anderer Stelle eröffnet, diesmal zwar auf der eigenen Leineseite, aber ebenfalls außerhalb der Stadt. Man verwendete dafür einen Teil vom Blomenplan, dem erst im 19. Jahrhundert so benannten und heute reichlich zentral gelegenen Klagesmarkt (zur ungefähren Standortbestimmung eignet sich am besten die Ruine der Nikolai-Kapelle). Passend dazu kam 1575 die allererste Schützenordnung heraus. Von irgendwelchen geordneten Märschen ist darin keine Rede, vielmehr sollten sich die Teilnehmer zu den Schießwettbewerben selbständig am Sonntag um 12 Uhr beim Schützenhaus einfinden. Ein durchgehendes Band mit den einstigen Ausmärschen zum Papagoyen-Baum besteht demnach nicht. Doch unter den neuen Bedingungen sollte das Schützenwesen nun sprießen bis zum Anschlag. Mit großer Hingabe marschierten Hannovers Schützen durch das Steintor zu den Schießbahnen hinaus. Zur Überquerung des zunächst noch sehr breiten Wassergrabens vor der Stadtmauer wurden zwei aufeinanderfolgende Brücken genommen (vgl. Stadtmodell in der Kuppelhalle des Neuen Rathauses). Dahinter führte sie der Weg lange Zeit über freies Feld, selbst noch auf dem oben abgebildeten Stadtplan von 1800 ist nur lockere Bebauung eingezeichnet. 1755 machte der Zug auf Wunsch seiner Majestät einen großen Schlenker über Herrenhausen, wo Georg II., Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg (= Hannover) und König von Großbritannien, nebst Prinzessin Maria von Hannover und Großbritannien, von einem Schloßbalkon aus die Schützen begrüßten. Für den besseren Schauwert war der Zug damals mit drei Kanonen veredelt. Am Startpunkt änderte sich unterdessen nichts. Offenbar anstelle des erwähnten, im Dunkeln bleibenden Brauerhauses wurde 1642 definitiv ein/das Brauergildehaus in der Osterstraße gebaut. Hierzu liegen dann auch die entscheidenden Kenntnisse vor. Zu der Ehre kam das Brauergildehaus deshalb, weil es einen für alle Bürger nutzbaren Festsaal enthielt, wovon auch die Schützen viel Gebrauch machten. Die Schützenfeste fanden aufgeteilt am Klagesmarkt und hier statt. Von 2022 bis 2025 führte die Strecke des Schützenausmarsches unbewußt direkt über diesen historischen Startpunkt. Das Brauergildehaus und das Schützenhaus am Klagesmarkt jeweils in Zeichnungen aus dem 17. Jahrhundert: ![]() Diese Zeichnung soll aus dem Jahr 1653 stammen und hannoversche Schützen ![]() |
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Vermutetes Aussehen der Sankt-Georg-Fahne: ![]() Schützenhof 1601 1601 lud die Stadt Hannover zu einem überlokalen, überregionalen Schützenhof. Boten waren wochenlang unterwegs gewesen, um Einladungen zu überbringen. Letztlich erschienen Schützen aus Celle, Wolfenbüttel, Hildesheim, Goslar, Einbeck, Göttingen, Hameln und „vom Deister“ (alle heutiges Niedersachsen), aus Halberstadt und Eisleben (heutiges Sachsen-Anhalt), Mühlhausen (heutiges Thüringen) und „Hessen“. Für die Veranstaltung vom 12. bis 15. Juli wurden vorübergehend Schießbahnen auf den Ohewiesen erbaut, also in der Gegend des jetzigen Schützenplatzes. Zehn Wettbewerbe standen an, neunmal siegten auswärtige Schützen, einmal der Hannoveraner Brant Gosewisch (ein ohnehin schön charismatischer Name, den man für etwas wiederverwenden sollte, um die Geschichte des Schützenwesens greifbarer zu machen). Die täglichen Schützenausmärsche dazu starteten am Marktplatz zwischen Rathaus und Marktkirche, berücksichtigten alle Bereiche der geschmückten Stadt, ehe sie diese durch das Leintor bei der Schloßstraße über die Leine hinweg verließen. Ein zeitgenössisches Gemälde (s.u.) hielt den Umzug in der Knochenhauerstraße fest, wo der Schützenausmarsch ja auch heute hindurchkommt. Vorn sieht man den Pritschenmeister mit Pritsche nebst einigen auftragsmäßig herumtollenden Bengeln. Auf die Musikanten und das Schiedsrichtergremium folgten die Schützen, 92 einheimische sowie 95 fremde. Im Zug wurden drei Sorten von Fahnen geschwenkt, einmal welche mit Stadtwappen (wohl auf roter Grundfarbe), dann welche mit „Hannoverschem Kleeblatt“ (wohl auf gelber Grundfarbe) sowie welche mit Abbildungen des Sankt Georg (der in Hannover aber, wenn auch Patron der Marktkirche, keine größere Bedeutung hatte also anderswo). Mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen ging es nachher auch wieder rein in die Stadt, dann empfangen durch Geböller vor der äußeren Brücke und über dem inneren Leintor. Nüchtern betrachtet stellte der Schützenhof 1601 nichts allzu Bemerkenswertes dar. Andere, mitunter größere Städte richteten ebenfalls offene Schützenhöfe aus. Die Stadt Hannover unterstützte ihre Schützen bei den Reisen dorthin, denn ein sichtbar aktives Schützentum war Abschreckung und Vorbeugung gegen feindliche Eroberungsgelüste. Innerhalb Hannovers ist indes anzunehmen, daß „1601“ einen besonderen Anschub gab, den Schützenausmarsch als Faszination zu erleben. Das bewegte sich übrigens zu der Zeit, als die sächsische Sprache allmählich zugunsten des Standarddeutschen zurückgezogen wurde. Hannoversche Schützen hießen in der 1575er Schützenordnung etwa noch „Schütten“, vormals „Schutten“. Im südniedersächsischen Raum zwischen Harz und Solling hat sich in mehreren Orten für die Schützenfeste bis heute der Begriff „Schüttenhoff“ gehalten. ![]() |
![]() Herausstellung des Johannisschießens In den Jahrzehnten vor und nach 1600 kannte die hannoversche Schießbegeisterung keine Grenzen. Jeder Sonntag des Sommerhalbjahrs geriet zu einem kleinen Schützenfest. Darüber hinaus war der Kalender gespickt mit mehreren großen Wettbewerben, die man untereinander ausdifferenziert und mit verschiedenen Kulten ausgestattet hatte. Eine der Veranstaltungen lag nach wie vor an Pfingsten. Zum führenden Ereignis war aber inzwischen das „Johannisschießen“ gereift. Dieses ging über drei Tage und enthielt auf dem Festplatz als unverkennbares Statussymbol das Pfahlklettern (eine bis Ende der 1860er Jahre betriebene Lustbarkeit). Betreffs Schützenausmärschen hatte das bis zu viertägige „Michaelisschießen“ einen speziellen Zugteilnehmer als Trumpf - einen Ochsen. Und beim jährlich doppelt abgehaltenen „Riegeschießen“ traten die Hannoveraner gemäß der städtischen Wehrverfassung sortiert nach Wohnlagen in vier Gruppen miteinander in Wettstreit. Tageweise getrennt marschierte jede Gruppe einzeln für sich aus. Im letzten Achtel der etwa 40 Jahre währenden Ära des Riegeschießens ordneten sie sich dabei hinter einer roten, bzw. weißen, gelben, grünen Fahne und jeweils zwei in gleicher Farbe lackierten Trommeln an. Daraus wurde Jahrhunderte später das Märchen gesponnen, die Vierzügigkeit und die Zugfarben des Schützenausmarschs wären aus Altstadtquartieren hervorgegangen. Im Stammbaum stellt das Riegeschießen jedoch nur einen kurzen Seitenzweig dar. Was die Hannoveraner in jener Phase zeigten, ging nicht nur weit über das seinerzeit übliche Maß hinaus, nein es gilt auch in der Geschichte des hannoverschen Schützenwesens als legendäre Blütezeit. Und wenn in Deutschland die Entwicklung der Städte oft in engstem Zusammenhang mit dem Schützentum verstanden wird, sollten wir uns mal Folgendes vor Augen führen: Hannover besaß im damaligen Städtegeflecht ungefähr die Bedeutung wie unter den jetzigen Verhältnissen in der Gegenwart die Stadt Hildesheim. Dann brach der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) herein. Anders als im unmittelbaren Umland scheiterte die „Katholische Liga“ daran, Hannover einzunehmen. Und nun schaue man sich an, in welchem Gebiet Hannover seitdem zur größten Stadt aufgestiegen ist. Zurück zum Werdegang des Schützenausmarschs. Wesentlich zu dessen Formgebung trugen zwei Verbote durch die Obrigkeit bei. Weil das sonntägliche Schießen den Kirchenbetrieb störte, wurde es 1611 untersagt. Als neuen Schießtag bestimmte der Rat den Montag. Die Schützen protestierten, mußten sich aber beugen. Wer konnte damals schon ahnen, daß der Montag der Wochentag sein würde, an dem der Schützenausmarsch später sein großartigstes Zeitalter erleben sollte. Auch heute, da er sonntags stattfindet, berechnet sich der Termin des Schützenfestes immer noch nach dem ersten Montag im Juli (welchem der Schützenausmarsch einen Tag vorhergeht). Zwischen den beiden Verboten kriselte die Schützenszene gewaltig, worauf hier aus systematischen Gründen erst im nachfolgenden Beitrag eingegangen wird. 1713 wurde dann befunden, daß auch das Montagsschießen zu wild für das Stadtleben war. Ab 1714 erlaubte die Obrigkeit ein Schützenwesen nur noch in ganz engen Planken. Bis auf das Pfingst- und das Johannisschießen durften keine Wettbewerbe/Feste mehr veranstaltet werden, und auch für diese beiden konnte man nun nicht mehr trainieren. Die Schützen drängten vehement auf die Rückgabe der Schießmöglichkeiten, bekamen wohl auch recht bald das Michaelisschießen zurück, mußten aber um das wöchentliche Montagsschießen unglaublich lange bis ca. 1750 (!) kämpfen. Der Schützenordnung von 1710 ist zu entnehmen, daß sich das Johannisschießen im Prestige schon vom Pfingstschießen abgesetzt hatte, zu welchem kein Ausmarsch mehr gehörte. Beim Johannisschießen aber marschierten „sämtliche löbliche Schützen mit fliegender Fahne“ Montag, Dienstag, Mittwoch jeweils morgens aus und abends ein, wobei die Einmärsche übrigens auch mit Musik erfolgten. Damit stand das Johannisschießen endgültig frei in der Linie des heutigen Schützenfestes! Zu den quellenarm-verschleierten Schützenausmärschen des Aus der Schützenordnung von 1710: ![]() |
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Hannoversche Schützen 1665 (Unterseite des Deckels vom Schafferpokal) sowie 1674: ![]() „Städtisches Freischießen“ Nach dem kräftezehrenden Dreißigjährigen Krieg einschließlich wütender Pest verspürten die Hannoveraner wenig Muße zum Schützentum. Nur ungefähr 30 Mann hielten den Schützenausmarsch aufrecht. Die Schaffer appellierten an die Stadtbehörde, etwas für die Wiederbelebung zu tun, eine „strengere Einschärfung der beschworenen Bürgerpflicht“ zu erwirken. Auch seitens des Rates wollte man den Gebrauch „nicht so liederlich in Abgang und Ungewohnheit kommen lassen“. 1653 wandten sich die wenigen wackeren Schützen aus Sorge um Ehre, Ruf und Ruhm Hannovers - unter Verweis auf Beobachtungen in Hildesheim und Braunschweig - mit folgendem Vorschlag an die Stadtbehörde: „Die löblichen Schützen bitten, daß ihnen im Johannisschießen täglich ein oder mehr Fähnlein, wo nicht, daß ihnen alsdann von jeglicher Gasse täglich eine oder mehr Corporalschaften mögte zugeordnet werden.“ (unter „Fähnlein“ war ein größerer Block Marschierer zu verstehen). Derlei Zwangsmaßnahmen kamen nicht zur Anwendung, verschiedene attraktivitätssteigernde Neuerungen aber sehrwohl. So hatten die abendlichen Einmärsche wahrscheinlich den Hintergedanken, die besten Schützen vom Tage hierdurch sofort feierlich zu ehren. Auch wurde in der Mitte des Zuges nun eine übergeordnete Fahne aus Seide geführt. Sie war mit dem motivierenden Wahlspruch „Tempore pacis cogitandum de bello“ bestickt, zu Deutsch „In Zeiten des Friedens sollte an den Krieg gedacht werden“, was heißen soll, daß die Vorsorge in harmlosen Zeiten erfolgen muß, wenn man im Ernstfall nicht unbeholfen dastehen will. Diese Losung prangte/prangt außerdem als oberstes von mehreren lateinischen Zitaten auf dem „Silbernen Willkomm“ anno 1665, genannt Schafferpokal. Über Generationen bereitete der Pokal den Schützen Freude, indem er beim Festessen als Trinkgefäß reihum gereicht wurde. Es ist erstaunlich, daß das älteste und bis heute prächtigste Stück des hannoverschen Schützenschatzes ausgerechnet aus jener trüben Zeit stammt. Im Obrigkeitslager deutscher Landen machte ohnehin eine gewisse Idee die Runde. Um neue Anreize zu setzen, sollte für Schützen die Möglichkeit bestehen, sich durch gute Schießergebnisse von etwas „zu befreien“ - das „Freischießen“ war geboren. Man konnte entweder vom verpflichtenden Ableisten von Wachdiensten und sonstigen Gemeinschaftsarbeiten entbunden werden, oder eine sogenannte Hausfreiheit erringen, d.h. den einjährigen Erlaß der Grundsteuer, was anscheinend einen erheblichen Teil der potentiellen Schützen betraf. Schon ab 1648 war das Freischießen zu Hannover im Gange. Die Angebote wurden ständig verbessert. Und wer sich nicht für Befreiungen interessierte, der fand zunehmend vergleichbare Wettbewerbe mit Geldpreisen als Gewinnkategorie vor. Alles bestens, würde man meinen, aber trotzdem blühte das hannoversche Schützenwesen nicht mehr so auf wie vor dem Dreißigjährigen Krieg. Obendrein verblaßten in der Bevölkerung auch noch die Erinnerungen daran. Beim Aspekt des Freischießens stößt man auf die Frage, inwieweit historisch Der Entwurf des Freischießens wurde sehr bald vom Lauf der Geschichte überholt. Noch im gleichen Jahrhundert setzten sich Stehende Heere durch, d.h. feste Militärtruppen moderner Art, und was wollten die Herrscher dann mit schießtüchtigen Bürgern anfangen? Es verschwanden nicht nur die meisten Freischießen wieder, überhaupt mußte sich das Schützenwesen nun nach seiner Daseinsberechtigung fragen lassen. In Hannover trug es sich im Jahr 1696 zu, daß mit der Auflösung der zivilen Torwache schon die letzte Verteidigungsaufgabe der Bürger fiel. Wie sich daraufhin die Auseinandersetzung zwischen Obrigkeit und Bevölkerung gestaltete, wissen wir nicht. Fakt ist, das hannoversche Schützenwesen kleidete sich erfolgreich in ein neues, traditionsbasiertes Selbstverständnis. Auch konnte das einmal erworbene Recht auf Freischießen hier bewahrt werden. Nachdem das Pfingstschießen aus der Geschichte ausgeschieden war, welches ebenfalls Freischieß-Elemente beinhaltet hatte, kam der Name des Johannisschießens fast ganz außer Gebrauch (zumal dessen Termin mit der Zeit eh vom Johannistag wegwanderte). Je nach Kontext hieß es nunmehr unmißverständlich „Städtisches Freischießen“ oder „Hannoversches Freischießen“. Unter diesem Oberbegriff sollte jahrhundertelang der Schützenausmarsch stehen, während „Schützenfest“ keine offiziell gültige Bezeichnung war! Erst im 2.WK versank das Freischießen inhaltlich und namentlich. Der „Verband Hannoverscher Schützenvereine“ versuchte den Freischieß-Charakter zu retten, hatte gegen die Rechtsgrundsätze des neuen Staates aber nichts auszurichten. Einige wenige Schützenfeste nennen sich heute noch „Freischießen“ (z.B. Minden, Wennigsen, Eldagsen, Pattensen, Peine), gemäß Grundgesetz dürfen die Städte allerdings höchstens noch kleine Geldpreise zur Verfügung stellen. ![]() (von 1867) ![]() |
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Dies war die deutsche Standard-Reveille im 18. Jahrhundert - und sehr wahrscheinlich auch der Generalmarsch zum Wecken für den Schützenausmarsch Hannover: ![]() Der Ausrufer und die Tamboure Seit dem 17. oder 18. Jahrhundert wurden die Hannoveraner vor jedem Schützenausmarsch frühzeitig morgens geweckt. Dazu schlugen ab 4:30 Uhr zwei „Tamboure“ (= Trommler) einen Generalmarsch durch die Stadt. Der „Generalmarsch“ oder die „Reveille“ war im Militärischen ein Trommelrhythmus als Signal zur Vorbereitung für das baldige Losmarschieren. Man kann sich vorstellen, daß das Getrommle in den leeren Straßen ordentlich schepperte. Ab Ausrufer und Tamboure waren weitgehend einheitlich gekleidet. Die obige Malerei von spätestens 1756 ist als Konstellation zwar nicht genau aufschlüsselbar, zeigt aber gesichert blaue Kittel mit bunten Bändern, fahlgelbe Hosen und schwarze Hüte. Auch 1803 wurde die Aufmachung als „bebändert“ beschrieben. In einem Gemälde zum Hannoverschen Schützenfest aus den 1820er Jahren ist ebenfalls eine Person mit blauem Kittel und fahlgelber Hose zu entdecken (allerdings ohne Hut und nicht im Dienst). Die Mannschaftsstärke der Tamboure verfestigte sich bald zu einem Sechserkorps. Aus späteren Hinweisen wird klar ersichtlich, daß die Hutform vom Dreispitz zum längsgetragenen Zweispitz wechselte. Zuletzt waren die Hosen beim Ausrufer schwarz oder grau, bei den Tambouren weiß. Es liegen auch noch Angaben aus einem Erlebnisbericht von 1836 vor, die sich leider nicht mit der übrigen Skizzierung harmonisieren lassen. Demnach zogen Tamboure und Ausrufer am frühen Morgen grün gekleidet gemeinsam umher, wobei Letzterer auch mittrommelte. Zwischendurch blieben sie immer wieder stehen, damit der Ausrufer seine Verse zum Besten geben konnte. Die ganze Truppe nahm auch am Schützenausmarsch teil. Nicht irgendwo mittendrin - sie stellte jahrhundertelang die Zugspitze! Pure Trommelrhythmen, das ist fürwahr die monumentalste und spannendste Möglichkeit, einen Festumzug anzuführen. Ob der Ausrufer beim Schützenausmarsch nur durchging oder noch was anderes tat, ist unbekannt (aus manchen Orten wird berichtet, daß dortige Schützenknechte/Schützendiener beim Umzug einen zu gewinnenden Preis im Arm hielten). Da er etwas abgesetzt gut erkennbar sein sollte, rührte er jedenfalls nicht mehr selbst die Trommel. Die Tamboure hingegen machten sogar noch während des Schießens weiter, wo sie für Volltreffer Trommelwirbel spendeten. Einen ersten Knacks bekam die Tradition des Ausrufens durch die plötzlichen Veränderungen in den 1900er Jahren. Mit der Welle neuentstandener Schützenvereine hatte sich das Prinzip der spontanen Beteiligung schlagartig erübrigt. Neben den uniformierten Schützenblöcken mochte sich kein unorganisierter Teilnehmer mehr blicken lassen, zumal ja auch die Gewinnaussichten für Laien stark gesunken waren. In den Zugaufstellungen wurden dafür, soweit ersichtlich, gar keine Positionen mehr vorgesehen. Rein aus lieber Gewohnheit blieben Wecken, Ausrufen und diese Zugspitze trotzdem erhalten. 1934 endete die spontane Beteiligungsmöglichkeit auch offiziell (damals sah sich die Nazi-Herrschaft zu einer solchen Regel veranlaßt, weil im Zuge von Vereinsverboten ein neues Spektrum unerwünscht freier Schützen hätte entstehen können), 1937 wurde sie nochmal geöffnet. Ausrufer und Tamboure schleppten sich noch zur Weltkriegspause, dann war Schluß. Bis heute kennt man frühmorgendliches Wecken und Ausrufen indes in Neustadt/Rübenberge und Burgdorf (die Burgdorfer Truppe ging 2018 mal in Hannover beim Schützenausmarsch mit). Obwohl das Gemälde „Ein Schützenkönig im Hannöverschen“ (Conrad Beckmann, 1875) frei komponiert ist und keinesfalls eine Szene konkret aus der Stadt Hannover wiedergeben soll, zeigt es - hier im Ausschnitt - zwei Schützendiener in exakt der besprochenen Kleidung:
![]() „Acta betr. Die Bewilligung einer Beihilfe von 40 Thalern Courant zu den Kosten |














